Was würdest du einer Person schreiben, die dir online mitteilt, dass sie nicht mehr leben will und du sie aber nie in echt sehen wirst?
Ich bin Sarah Lafère, 24 Jahre alt und studiere Psychologie im 3. Semester an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Ich engagiere mich ehrenamtlich in einer anonymen, kostenfreien Mailberatung, die sich speziell an junge Menschen in (suizidalen) Krisen richtet. Vor meiner ersten Mailberatung stellte ich mir genau diese Frage und noch einige mehr. Was kann ich der Person antworten? Wie zeige ich der Person, dass sie in diesem geschützten Rahmen sicher ist und ehrlich sein darf? Wie drücke ich mich am besten aus, da die andere Person meine Mimik und Gestik ja nicht sehen kann?
Angefangen hat alles vor etwa 10 Monaten, als ich die mehrmonatige Ausbildung begann, um per E-Mail beraten zu dürfen. Diese beinhaltete naheliegende Themen wie Depression im Allgemeinen, aber auch spezielle Theorien zur Entstehung und dem Verlauf von Suizidalität. Zusätzlich hatten wir Stunden zum Thema Queerness, Trauma und PTBS, um für die jungen Erwachsenen möglichst gut aufgestellt zu sein. Nachdem ich vor dem aktuellen Ehrenamt für ungefähr ein Jahr in einem ähnlichen Verein in meiner Heimatstadt ehrenamtlich aktiv war, kannte ich den Kontakt mit Menschen mit psychischen Erkrankungen bereits. Beim alten Ehrenamt besuchte ich Senior*innen, die an einer Depression litten oder gelitten hatten, um gemeinsam schöne Momente zu erleben und die Einsamkeit zumindest für eine gewisse Zeit zu besiegen. Der entscheidende Unterschied war aber, dass ich dort Zeit mit den Menschen verbrachte und sie in echt kennenlernte.
Doch genau diese Anonymität ist unter anderem das Besondere bei der Mailberatung. Niemand muss die eigene Identität preisgeben, was gerade jungen Menschen in einer suizidalen Krise die Hemmschwelle nimmt, sich überhaupt zu melden. Auf eine Mail folgt innerhalb weniger Tage eine Antwort, so entsteht mit der Zeit eine tragfähige Beziehung. Die jungen suizidalen Menschen werden so lange wie sie es möchten von einem anderen jungen Menschen ein Stück auf ihrem Lebensweg begleitet – auf Augenhöhe und ohne den professionellen Abstand, den namentliche Beratung manchmal mit sich bringt.
Für mich ist dieses Ehrenamt in der Suizidprävention mehr als nur eine Ergänzung im Lebenslauf. Dass ich heute überhaupt Psychologie studiere, war nicht immer klar: Dreieinhalb Jahre lang habe ich Lehramt studiert, mit dem Ziel, Englisch- und Französischlehrerin zu werden. Rückblickend waren meine beiden Ehrenämter einer der Gründe, warum mir der Wechsel des Studiengangs so klar erschien: Hier habe ich zum ersten Mal erlebt, wie viel sinnstiftender es sich für mich anfühlt, einer einzelnen Person in einer schwierigen Situation wirklich zuzuhören, statt vor einer Schulklasse zu stehen und zu unterrichten.
Durch die Mailberatung der jungen Menschen und die Nachmittage mit den Senior*innen habe ich zu vielem, was ich in Vorlesungen und Seminaren lerne, einen praktischen Bezug. Wenn ich in der Vorlesung etwas über suizidale Einengung höre, erkenne ich Muster wieder, die mir aus echten Mails bekannt sind. Umgekehrt hilft mir die Beratung, dass ich plötzlich echte Lebensgeschichten in den theoretischen Studieninhalten finde.
Außerdem lerne ich, meine eigenen Grenzen wahrzunehmen und trotzdem noch dem jungen Menschen in der Mailberatung wohlwollend gegenüberzutreten. Das ist eine Fähigkeit, die ich mir zukünftig als Psychotherapeutin wünsche. Durch den regelmäßigen Austausch mit den Supervisor*innen lerne ich auch, jemanden über einen längeren Zeitraum zu begleiten, ohne direkt eine Lösung anbieten zu können.
Am meisten erfüllt mich mein Ehrenamt aber deswegen, weil es mich in meiner Berufswahl bestätigt. Ich darf schon jetzt einem Menschen einen sicheren (virtuellen) Raum anbieten, in dem er womöglich zum ersten Mal ehrlich ausspricht, was er sich davor nie hat sagen trauen. Ich kann durch mein Tun aktiv dazu beitragen, dass sich dieser Mensch vielleicht weniger hoffnungslos fühlt. Eine mehrmonatige Ausbildung zur Mailberaterin ist natürlich kein Äquivalent zu einer psychotherapeutischen Ausbildung, aber sie ist ein greifbarer Schritt in eine Richtung, von der ich heute weiß, dass sie meine ist – auch wenn der Weg dorthin ein Umweg über das Lehramt war.
Dieser Beitrag wurde verfasst von Sarah Lafére.